Good to Know

Was wenige wissen
Was wenige über Gladbach wissen: Der Schalker Kreisel wurde am Bökelberg perfektioniert, Udo Lattek kam unter fragwürdigen Umständen von Bayern, und die Meistersaison 1970/71 gelang trotz zwei abgezogener Punkte am grünen Tisch.

Was wenige wissen

Aufstieg in die Bundesliga 1965

Die erste Fußball-Mannschaft von Borussia Mönchengladbach steigt 1965 in die Bundesliga auf und hat bis Dezember 2019 fünf nationale Meistertitel, drei DFB-Pokalsiege und zwei UEFA-Pokalsiege errungen.In der Ewigen Tabelle der Bundesliga belegt der Verein den sechsten Platz (Stand: Dezember 2019). Die offensive Spielweise, mit der die Mannschaft in den späten 1960-er und 1970-er Jahren die Bundesliga mit vorwiegend jungen Spielern dominiert, bringt ihr den Spitznamen „Fohlenelf“ oder „die Fohlen“ ein.

Das ist bekannt, weniger bekannt ist, dass die Gründung von Borussia Mönchengladbach chaotisch verläuft. Eine Gruppe von jungen Fußballern ist kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem örtlichen Sportverein mehr als unzufrieden, tritt aus diesem aus und gründet eine eigene Spielvereinigung mit Namen FK Borussia 1900. Um auf einem ordentlichen Fußballplatz spielen zu können, schließt sich die Spielvereinigung im ersten Jahr der Gründung einer kirchlichen Organisation an. Nach ersten lokalen und regionalen Fußballerfolgen wollen sich die Verantwortlichen offiziell als Verein registrieren, um für den Ligabetrieb zugelassen zu werden. Die Folge: Die Trennung von der Kirche. Im August 1900 wird der Verein erstmals im Vereinsregister erfasst, unter dem Namen „Borussia 1900 M.gladbach“.

Die Borussia gehört nicht zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga und ist vor 1965 eine regionale Größe im deutschen Fußball – mehr nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielt der Verein zunächst zwei Spielzeiten in der Landesliga, danach schwankt man ab der Saison 1949/50 zwischen der 2. Liga West und der damals höchsten Liga Oberliga West. Was wenige wissen. Den ersten Titel erringt der Verein bereits im Jahr 1920. Er wird Westdeutscher Meister. Allerdings nicht unter dem heutigen Namen, sondern als VfTuR München-Gladbach.

Der Schalker Kreisel unter Weisweiler

Unter dem neuen Trainer Hennes Weisweiler schafft Borussia Mönchengladbach in der Saison 1964/65 den Aufstieg in die Bundesliga – zeitgleich mit dem FC Bayern München. Damals etabliert sich auch der neue Spitzname – die Fohlen. Was wenige wissen: Dieser hat eine doppelte Bedeutung. Er weist auf die „jungen Fohlen“ hin, denn Weisweiler lässt zeitweise mit einem Durchschnittsalter von 21,5 Jahren die bei weitem jüngste Mannschaft der Liga auflaufen, ein Team, welches man in der Mehrzahl aus der Region oder sogar der eigenen Nachwuchsförderung rekrutiert hat. Und er ist ein Synonym für die offensive, angriffslustige und schnelle Spielweise der Gladbacher mit Pressingelementen, langen Pässen und Umschaltspiel – damals einfach „Gladbacher Konterfußball“ genannt.

Was auch gerne vergessen wird. Gladbach wird in der Saison 1970/71 Deutscher Meister, obwohl man zwei Punkte am „grünen Tisch“ verliert. Und weder das Team, noch der Trainer oder die Fans sind schuld, sondern die örtliche Verwaltung. Denn im Heimspiel gegen Werder Bremen stürzt Herbert Laumen beim Stand von 1:1 bei einem Luftkampf mit dem Bremer Torwart Günter Bernard ins Tornetz, der Pfosten des Tores bricht. Wegen „schuldhaften Herbeiführens eines Spielabbruchs", so das DFB-Gericht, wird das Spiel mit 2:0 für Bremen gewertet. Die Gladbacher Mannschaft ist fassungslos und schreibt einen öffentlichen Brief mit der berechtigten Frage: „Sind wir eigentlich Lizenzspieler oder Bauarbeiter? Wo steht denn geschrieben, dass wir Spieler verpflichtet sind, den Platzaufbau vorzunehmen, für den städtische Angestellte verantwortlich sind? Was haben wir Spieler denn für eine Schuld daran, wenn irgendwo im städtischen Sportgelände ein Stück Holz kaputtgeht und nicht mehr zu reparieren ist?"Apropos: Der „Verursacher“ des Pfostenbruchs, Herbert Laumen, wechselt nach der Saison nach Bremen, „Pfostenbruch“ wird sein zweiter Vorname.

Aufstiegsjubel Borussia Mönchengladbach 1965 Bundesliga
Aufstiegsjubel 1965: Gladbach gewinnt die Aufstiegsgruppe und steigt in die Bundesliga auf. Foto: Imago Images/Werner Otto

Dennoch können die Gladbacher in der Saison den Meisertitel erringen - und nicht nur das: Sie sind der erste Verein in der Bundesliga, der seinen Meistertitel verteidigen kann. Auf spektakuläre Art und mit Hilfe eines besonderen Motivationstricks, an den sich heute wenige erinnern: Nach dem ersten Meistertitel in der Saison 1969/70 fängt BMG am letzten Spieltag der Saison 1970/71 den FC Bayern München noch ab. Die Münchener verlieren mit 0:2 in Duisburg, während M’gladbach in Frankfurt mit 4:1 gewinnt. Am Ende haben die Gladbacher 50:18 Punkte, die Bayern nur 48:20. Vor dem letzten Spiel sind beide Teams punktgleich und der FC Bayern hat die um ein Tor bessere Tordifferenz. Beim Spiel des FC Bayern in Duisburg greifen die Gladbacher zu einem besonderen Hilfsmittel. Als sich die Münchener in Duisburg warmlaufen, schallt es aus den Lautsprechern: „Meine Damen und Herren, liebe Sportplatzbesucher, wir bitten um Beifall und Anfeuerung für den MSV Duisburg, der bei einem Sieg für jeden Spieler eine Sonderprämie in Höhe von 2.000 Mark aus Mönchengladbach erhält." Fassungslosigkeit beim FC Bayern, Begeisterung auf den Rängen und mehr als motivierte „Zebras“ auf dem Platz. Besonders bei MSV-Stürmer Rainer Budde, der in der zweiten Halbzeit zweimal trifft. Die Bayern greifen zu fiesen Tricks: Als das 2:0 für den MSV fällt, verlässt Sepp Maier den Rasen. Duisburg- und Gladbach-Fans haben das Feld gestürmt und – so behauptet Maier – hätten den Bayern-Torhüter verletzt. Maier: „Man hat mich umgerannt und geschlagen!" MSV-Betreuer Jasbert bewertet den Sachverhalt anders: „Beckenbauer winkte ihm (Maier) etwas zu, und er ließ sich fallen“. Nicht immer gelingt die Roberto Boninsegna Strategie, es gibt auch keine „Büchse“.Peinlich: Der DFB rechnet mit Bayern München als Meister und hat die Originalschale nach Duisburg gebracht, sie wird den Borussen noch am selben Tag am Frankfurter Flughafen überreicht.

Udo Latteks Wechsel von Bayern nach Gladbach

Udo Lattek ist der Nachfolger von Hennes Weisweiler als Trainer bei BMG. Das ist bekannt. Weitgehend unbekannt ist, dass sich Lattek bei dem Wechsel zu den Borussen ziemlich unkorrekt verhält. Nicht gegenüber dem FC Bayern und auch nicht gegenüber BMG, sondern gegenüber Rot Weiß Essen. Nach seinem „Aus“ beim FC Bayern München sucht Udo Lattek, damals 40, eine neue sportliche Herausforderung. Die scheint er bei Rot-Weiß Essen zu finden. Zumindest unterschreibt er für die Saison 1975/76 einen Vertrag, geht dann aber nach Hennes Weisweilers überraschendem Abschied im Mai zu Borussia Mönchengladbach, dem amtierenden Meister und Bayern-Rivalen der letzten Jahre: „Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl zwischen einem Fahrrad (Essen) und einem Mercedes (M’gladbach) hätten?“ In Mönchengladbach übernimmt Lattek eine intakte Mannschaft mit Spielern wie Uli Stielike, Jupp Heynckes, Herbert Wimmer, Allan Simonsen, Rainer Bonhof und Berti Vogts und legt den „Fohlen“ Zügel an. Anstelle des „Hurra-Stils“ seines Vorgängers legt er den Schwerpunkt stärker auf den Defensivbereich und gewinnt mit einer stabilen Abwehr die beiden nächsten Meisterschaften 1976 und 1977. Ein weiterer Titel-Hattrick in den 1970-er Jahren ist die Folge. Der FC Bayern gewinnt den Titel 1972, 1973 und 1974, die Gladbacher 1975, 1976 und 1977. 1977 steht er mit Gladbach auch im Finale des Europapokals der Landesmeister, im gleichen Jahr steigt Rot-Weiß Essen aus der Bundesliga ab und ist seitdem nicht wieder zurückgekommen.

Häufige Fragen

Was ist der Schalker Kreisel bei Gladbach?

Der 'Schalker Kreisel' — eigentlich ein Kurzpass-System — wurde von Gladbach unter Hennes Weisweiler perfektioniert und war die taktische Grundlage für die fünf Meisterschaften der 1970er Jahre.

Wie kam Udo Lattek zu Borussia Mönchengladbach?

Udo Lattek wechselte unter fragwürdigen Umständen von Bayern München nach Gladbach. Während er noch bei Bayern unter Vertrag stand, verhandelte er heimlich mit dem Gladbacher Vorstand — ein Verrat am Klub-Erbauer Hennes Weisweiler.

Hat Gladbach die Meisterschaft 1971 trotz Punktabzug gewonnen?

Ja. In der Saison 1970/71 wurde Gladbach Deutscher Meister, obwohl dem Team zwei Punkte am grünen Tisch abgezogen wurden — ein Verwaltungsfehler, nicht sportliches Fehlverhalten.

Corona-Geisterspiele und Champions League in Budapest

Die Corona-Pandemie trifft Gladbach in einem denkbar ungünstigen Moment. Ausgerechnet in der Champions-League-Saison 2020/21 bleibt der Borussia-Park leer. Die Gruppenspiele gegen Real Madrid, Inter Mailand und Shakhtar Donezk finden vor Geisterkulissen statt. Im Achtelfinale gegen Manchester City muss das Hinspiel wegen Reisebeschränkungen nach Budapest verlegt werden — die Borussia hat „Heimrecht" in einem ungarischen Stadion, ohne einen einzigen eigenen Fan auf den Rängen. Die CL-Prämien federn den finanziellen Schock der fehlenden Zuschauereinnahmen etwas ab, aber die Substanz ist angeknackst.

125 Jahre Borussia: Jubiläum im Abstiegskampf

Im Jahr 2025 feiert der Verein sein 125-jähriges Bestehen. Retrotrikots, Sonderaktionen und Feierlichkeiten rund um den Geburtstag beschwören den Geist vergangener Tage — während die Gegenwart nicht düsterer sein könnte. Die Borussia kämpft in der Jubiläumssaison gegen den Abstieg. 125 Jahre Vereinsgeschichte, Platz 18 in der Tabelle. Die Ironie schreibt der Fußball selbst.

Digitalisierung am Niederrhein

Parallel rüstet der Verein technologisch auf. Vereinseigene Apps, Datenanalyse-Tools und moderne Scouting-Systeme bilden das Rückgrat der sportlichen und wirtschaftlichen Planung. Die Digitalisierung ist am Niederrhein kein Schlagwort mehr, sondern Alltag — ein Werkzeugkasten, der perfekt zum Intelligence-Ansatz der „Akte Gladbach" passt.

Akte Bundesliga Netzwerk
Akte Bayern Akte BVB Akte Bayer Akte Schalke Akte Eintracht → Alle 22 Vereine