OMG — Oh My God!
Zwei europäische Skandalspiele prägen Gladbachs OMG-Kapitel: das annullierte 7:1 gegen Inter Mailand 1971 nach Cola-Dosen-Wurf auf Boninsegna und das Real-Madrid-Spiel 1976 mit zwei aberkannten Toren durch Schiedsrichter van der Kroft.
Skandale und Affaeren
Zweimal von der UEFA um den Sieg gebracht
In zwei Europapokal-Spielen verliert Gladbach Siege durch fragwürdige Entscheidungen abseits des Rasens.
Borussia Mönchengladbach wird zweimal bei internationalen Spielen betrogen.
Achtelfinale gegen Inter Mailand 1971/72
Europapokal der Landesmeister 1971/72...
Europapokal der Landesmeister 1971/72
7:1 am Bökelberg, dann annulliert wegen Cola-Dose
Am 20.10.1971 schlägt Gladbach Inter Mailand 7:1 — eine Cola-Dose Richtung Boninsegna macht das Spiel zunichte.
In der Saison 1971/72 scheidet der Verein im Europacup der Landesmeister gegen Inter Mailand aus. In Mailand verliert das Team um Kapitän Günter Netzer mit 2:4, im Rückspiel in Berlin trennt man sich 0:0. Die Borussia verschießt einen Elfmeter. Das Spiel in Berlin ist bereits das dritte Spiel, denn das eigentliche Hinspiel in Mönchengladbach wird von der UEFA annulliert.
Am 20.10.1971 schießt Borussia Mönchengladbach im Achtelfinal-Hinspiel Inter Mailand mit 7:1 aus dem Bökelbergstadion. Eine Cola-Dose und eine schauspielerische Glanzleistung von Roberto Boninsegna machen die wohl beste fußballerische Darbietung der Gladbacher Vereinsgeschichte zunichte. Was ist passiert?
Boninsegnas Schauspiel kippt das Inter-Spiel
Bei 2:1-Führung wälzt sich Boninsegna nach einem Dosenwurf minutenlang am Boden — Gladbach schießt fünf weitere Tore, Inter protestiert.
Borussia Mönchengladbach führt nach knapp einem Drittel des Spiels vor 28.000 Zuschauern mit 2:1. In der 29. Spielminute kommt es im Vorfeld eines Einwurfs an der Seitenlinie zur Rangelei zwischen Gladbachs Ludwig „Luggi“ Müller und Inter-Star Roberto Boninsegna. Eine Getränkedose fliegt von den Zuschauerrängen in Richtung Boninsegna. Der Italiener sinkt zu Boden und wälzt sich minutenlang auf dem Rasen.
Die Betreuer behandeln den Stürmer auf dem Platz, schlussendlich tragen sie ihn in die Gästekabine, wo sich der Torschützenkönig der Serie A versteckt. Unter Protest nimmt Inter die Partie wieder auf. Gladbach spielt sich fortan in einen Rausch.
Fünf Treffer schenken Günter Netzer, Jupp Heynckes und Co. dem italienischen Meister noch ein. Nach der Partie legt Inter legt bei der UEFA Widerspruch gegen die Spielwertung ein. Die Disziplinarkommission entscheidet, das Spiel zu annullieren und auf neutralem Platz zu wiederholen.
In das geht Inter mit einem 4:2-Vorsprung, den es im ausverkauften Berliner Olympiastadion über die Zeit rettet, auch weil Sieloff einen Elfmeter verschießt. Bis heute umstritten bleibt, ob Boninsegna wirklich von der Blechdose ausgeknockt worden ist. Dem „Opfer“ zufolge sei die Dose voll gewesen und habe ihn am Kopf getroffen. „Der Büchsenwurf war wie ein K.o.-Schlag für mich. Ich war für 15 bis 20 Sekunden bewusstlos“, sagt Boninsegna später dem „WDR“.
Finanzkrisen und Machtkampf
Luggi Müllers Version: Die Dose war leer
Verteidiger Ludwig Müller erinnert sich, gegen die leere Dose getreten zu haben — Boninsegna habe sich auf Zuruf fallen lassen.
„Luggi“ Müller widerspricht. „Plötzlich kam eine Büchse geflogen und traf Boninsegna an der Schulter“, erinnert sich der Verteidiger. „Ich habe gegen die auf dem Rasen liegende Dose getreten, dabei gemerkt, dass sie leer war.“ Auf Zuruf der Mitspieler habe sich Boninsegna fallen lassen.
Und als er wieder aufstehen will, haben Inter-Betreuer ihn wieder auf den Rasen gedrückt und schließlich vom Platz getragen. Schiedsrichter Jef Dorpmans gibt dem Gladbacher später Recht. „Ich habe immer geglaubt, dass Boninsegna die Verletzung nur gespielt hat“, verrät der Niederländer Jahrzehnte später gegenüber „FohlenTV“.
„Mein Linienrichter hat gesehen, dass die Dose geöffnet war, und dass die Cola im Flug aus der Dose spritzte, sodass sie beim Aufprall halb leer war.“
Polizei findet den Dosenwerfer nie
Die Mönchengladbacher Polizei kann den Werfer nicht ermitteln; ein Festgenommener stellt sich als unschuldig heraus.
Die Aufklärung des Falles erweist sich für die Mönchengladbacher Polizei als schwierig. Den Werfer kann die Polizei nicht ermitteln. Ein im Stadion Festgenommener entpuppt sich als unschuldig. Laut Polizeibericht und einigen Zeugenaussagen könnte sogar ein italienischer Fan als Täter in Frage kommen.
Cola-Dose im Museum, Boninsegna im Terence-Hill-Film
Die Dose steht heute im Gladbacher Vereinsmuseum, Boninsegna wechselte später ins Filmfach.
Apropos: Die Cola-Dose steht heute im Gladbacher Vereinsmuseum und Roberto Boninsegna hat später als Schauspieler in einem Terence-Hill-Film mitgewirkt. Und wirklich: Außer den Gladbacher Toren gibt es keine TV-Bilder vom Spiel, das die ARD wegen der zusätzlich zu entrichtenden Mehrwertsteuer von 6.000 DM nicht live überträgt.
Viertelfinale gegen Real Madrid 1975/76
Europacup der Landesmeister 1975/76...
Europacup der Landesmeister 1975/76
Kurioses und Unglaubliches
Aus in Madrid 1976 unter dubiosen Umständen
Im März 1976 fliegt Gladbach bei Real Madrid raus — Schuldiger laut Klub: das holländische Schiedsrichtergespann um van der Kroft.
Im März 1976 scheidet die Borussia unter dubiosen Umständen bei Real Madrid aus. Der Schuldige: Leonardus van der Kroft und das gesamte holländische Schiedsrichtergespann.
Rückspiel im Bernabeu mit Netzer und Breitner bei Real
Am 17. März 1976 reist Gladbach als Außenseiter ins Bernabeu — Real-Madrid-Profis Netzer und Breitner stehen auf der Gegenseite.
Am 17. März 1976 gastiert Borussia Mönchengladbach im Viertelfinal-Rückspiel des Landesmeister-Cups beim spanischen Renommierclub Real Madrid. „Im Hinspiel in Düsseldorf hatten wir nach einer 2:0-Führung noch 2:2 gespielt, deshalb fuhren wir als krasser Außenseiter nach Madrid“, erinnert sich Herbert Wimmer. Ein besonderer Reiz: Bei Real Madrid spielen Günter Netzer und Paul Breitner.
Schiedsrichter ist Leonardus van der Kroft, ein Schiedsrichter aus Holland, die Linienrichter sind seine Landsleute Gerrit Berrevoets und Ben Hoppenbrouwer.
Drei Gelbe in 15 Minuten, Heynckes trifft zur Führung
Vogts, Danner und Stielike sehen früh Gelb, Heynckes köpft Gladbach in der 28. Minute in Führung.
In den ersten 15 Minuten bekommen Berti Vogts, Dietmar Danner und Uli Stielike die Gelbe Karte – zum Teil unberechtigt. Gladbach dominiert das Spiel. In der 28. Minute wird es totenstill im Bernabeu. 120.000 Zuschauer sind entsetzt. Jupp Heynckes trifft per Kopf zur Führung der Gladbacher, zur Halbzeit steht es immer noch 0:1.
Erstes aberkanntes Tor: Jensen-Treffer wegen Abseits
Nach Santillanas Ausgleich trifft Henning Jensen zum vermeintlichen 2:1 — van der Kroft entscheidet auf Abseits, der Linienrichter sieht keinen Regelverstoß.
Als van der Kroft die zweiten 45 Minuten anpfeift, ist das die Ouvertüre zu einem der skandalösesten Spiele in der Geschichte des Europapokals. Ein umstrittener Freistoß für Real in der 52. Minute macht den Anfang, Santillana trifft mit dem Kopf und erzielt den Ausgleich. Jetzt sind die Spanier wieder qualifiziert für das Halbfinale.
17 Minuten später spielt Hans Klinkhammer einen langen Pass auf Stürmer Henning Jensen, der Gladbach wieder in Führung schießt. 2:1 für BMG, oder? Linienrichter Hoppenbrouwer, der eine sehr gute Sicht auf das Tor hat, sieht keinen Regelverstoß und gibt das Tor.
Doch Schiedsrichter van der Kroft entscheidet auf Abseits.
Zweites aberkanntes Tor: Wittkamp angeblich mit Foul
Acht Minuten vor Schluss trifft Hans-Jürgen Wittkamp zum 2:1 — Linienrichter Hoppenbrouwer reklamiert plötzlich ein Foul, das die TV-Bilder widerlegen.
Acht Minuten vor dem Ende werden die Gladbacher zum zweiten Mal „betrogen“. Diesmal hat Verteidiger Hans-Jürgen Wittkamp das 2:1 erzielt, wieder wird das Tor von van der Kroft aberkannt. „Er lief sogar schon zur Mittellinie“, erinnert sich Herbert Wimmer.
Aber nun hat Linienrichter Hoppenbrouwer etwas zu bemängeln. Er teilt van der Kroft mit, dass der Torschütze ein Foul begangen habe, die TV-Bilder beweisen das Gegenteil.
1:1 in Madrid — Aus durch das 2:2 im Hinspiel
Das Spiel endet 1:1, Real zieht dank des 2:2 aus Düsseldorf ins Halbfinale ein; van der Kroft erinnert sich Jahrzehnte später kaum.
Das Spiel endet 1:1 und Real Madrid ist aufgrund des 2:2 im Hinspiel im Halbfinale. Van der Kroft hat 30 Jahre später nur noch rudimentäre Erinnerungen. „Es handelte sich um zwei aberkannte Tore. Beim ersten hat der Linienrichter gegen mich entschieden, was beim Zweiten war, weiß ich nicht mehr“, sagt der Holländer dem „Spiegel“.