OMG — Oh My God
Das kann doch nicht wahr sein
Borussia Mönchengladbach wird zwei Mal bei internationalen Spielen betrogen.
Der Büchsenwurf: Inter Mailand 1971
Europapokal der Landesmeister 1971/72
In der Saison 1971/72 scheidet der Verein im Europacup der Landesmeister gegen Inter Mailand aus. In Mailand verliert das Team um Kapitän Günter Netzer mit 2:4, im Rückspiel in Berlin trennt man sich 0:0. Die Borussia verschießt einen Elfmeter. Das Spiel in Berlin ist bereits das dritte Spiel, denn das eigentliche Hinspiel in Mönchengladbach wird von der UEFA annulliert. Am schießt Borussia Mönchengladbach im Achtelfinal-Hinspiel Inter Mailand mit 7:1 aus dem Bökelbergstadion. Eine Cola-Dose und eine schauspielerische Glanzleistung von Roberto Boninsegna machen die wohl beste fußballerische Darbietung der Gladbacher Vereinsgeschichte zunichte. Was ist passiert?
Borussia Mönchengladbach führt nach knapp einem Drittel des Spiels vor 28.000 Zuschauern mit 2:1. In der 29. Spielminute kommt es im Vorfeld eines Einwurfs an der Seitenlinie zur Rangelei zwischen Gladbachs Ludwig „Luggi“ Müller und Inter-Star Roberto Boninsegna. Eine Getränkedose fliegt von den Zuschauerrängen in Richtung Boninsegna. Der Italiener sinkt zu Boden und wälzt sich minutenlang auf dem Rasen. Die Betreuer behandeln den Stürmer auf dem Platz, schlussendlich tragen sie ihn in die Gästekabine, wo sich der Torschützenkönig der Serie A versteckt. Unter Protest nimmt Inter die Partie wieder auf. Gladbach spielt sich fortan in einen Rausch. Fünf Treffer schenken Günter Netzer, Jupp Heynckes und Co. dem italienischen Meister noch ein. Nach der Partie legt Inter bei der UEFA Widerspruch gegen die Spielwertung ein. Die Disziplinarkommission entscheidet, das Spiel zu annullieren und auf neutralem Platz zu wiederholen. In das geht Inter mit einem 4:2-Vorsprung, den es im ausverkauften Berliner Olympiastadion über die Zeit rettet, auch weil Sieloff einen Elfmeter verschießt. Bis heute umstritten bleibt, ob Boninsegna wirklich von der Blechdose ausgeknockt worden ist. Dem „Opfer“ zufolge sei die Dose voll gewesen und habe ihn am Kopf getroffen. „Der Büchsenwurf war wie ein K.o.-Schlag für mich. Ich war für 15 bis 20 Sekunden bewusstlos“, sagt Boninsegna später dem „WDR“.
„Luggi“ Müller widerspricht. „Plötzlich kam eine Büchse geflogen und traf Boninsegna an der Schulter“, erinnert sich der Verteidiger. „Ich habe gegen die auf dem Rasen liegende Dose getreten, dabei gemerkt, dass sie leer war.“ Auf Zuruf der Mitspieler habe sich Boninsegna fallen lassen. Und als er wieder aufstehen will, haben Inter-Betreuer ihn wieder auf den Rasen gedrückt und schließlich vom Platz getragen. Schiedsrichter Jef Dorpmans gibt dem Gladbacher später Recht. „Ich habe immer geglaubt, dass Boninsegna die Verletzung nur gespielt hat“, verrät der Niederländer Jahrzehnte später gegenüber „FohlenTV“. „Mein Linienrichter hat gesehen, dass die Dose geöffnet war, und dass die Cola im Flug aus der Dose spritzte, sodass sie beim Aufprall halb leer war.“

Die Aufklärung des Falles erweist sich für die Mönchengladbacher Polizei als schwierig. Den Werfer kann die Polizei nicht ermitteln. Ein im Stadion Festgenommener entpuppt sich als unschuldig. Laut Polizeibericht und einigen Zeugenaussagen könnte sogar ein italienischer Fan als Täter in Frage kommen.
Apropos: Die Cola-Dose steht heute im Gladbacher Vereinsmuseum und Roberto Boninsegna hat später als Schauspieler in einem Terence-Hill-Film mitgewirkt. Und wirklich: Außer den Gladbacher Toren gibt es keine TV-Bilder vom Spiel, das die ARD wegen der zusätzlich zu entrichtenden Mehrwertsteuer von 6.000 DM nicht live überträgt.
Europacup-Skandal: Real Madrid 1976
Europacup der Landesmeister 1975/76
Im März 1976 scheidet die Borussia unter dubiosen Umständen bei Real Madrid aus. Der Schuldige: Leonardus van der Kroft und das gesamte holländische Schiedsrichtergespann.
Das Millionen-Grab: 143 Millionen Euro Kapitalvernichtung
Das Millionen-Grab am Niederrhein: In der Geschichte von Borussia Mönchengladbach gab es immer wieder Momente, die fassungslos machten. Aber selten war die Fallhöhe zwischen sportlichem Rausch und wirtschaftlichem Ruin so gewaltig wie in den Jahren nach 2020. Es ist die Chronik einer Kapitalvernichtung, die den Verein von den Champions-League-Fleischtöpfen direkt in eine finanzielle Sackgasse führte.
Die Transfer-Verlustrechnung in drei Akten
Die Rechnung in drei Akten: Akt eins — die ablösefreien Abgänge. Marcus Thuram (Marktwert-Peak rund 40 Millionen Euro) und Ramy Bensebaini (rund 25 Millionen Euro) verlassen den Verein im Sommer 2023 ohne einen Cent Ablöse. 65 Millionen Euro, die nie in der Kasse ankommen. Akt zwei — der Verkauf unter Wert. Manu Koné, einst auf 40 Millionen taxiert, geht im August 2024 für rund 20 Millionen Euro zur AS Roma, abzüglich einer Weiterverkaufsbeteiligung des FC Toulouse. Immerhin Geld — aber die Hälfte des möglichen Erlöses. Akt drei — der Wertverfall im Kader. Florian Neuhaus, einst DFB-Nationalspieler und bei 40 Millionen gehandelt, hat im März 2026 einen Marktwert von 3,5 Millionen. Nico Elvedi fällt von 30 auf 8 Millionen. Zusammen rund 143 Millionen Euro an entgangenem und vernichtetem Kapital. Der gesamte Kaderwert im März 2026 liegt bei rund 150 Millionen Euro — ungefähr so viel, wie der Verein in fünf Jahren verloren hat.
Trainer-Kosten: Ablösen und Abfindungen
Das teure Trainer-Karussell: Zur Transfermisere kommt der kostspielige Verschleiß auf der Trainerbank. Allein die Ablöse für Adi Hütter von Eintracht Frankfurt beläuft sich auf rund 7,5 Millionen Euro. Dazu kommen Abfindungen für Hütter, Farke und Seoane. Zweistellige Millionenbeträge, die an jeder Ecke im Kader fehlen.
Der verlorene Magic Touch: Kompany, Favre, Farke
Der verlorene Magic Touch: Irgendwann zwischen 2022 und 2023 verliert Gladbach bei der Trainersuche sein Gespür für die richtigen Entscheidungen. Sinnbild dafür: Nach dem Ende der Hütter-Ära will der Verein Lucien Favre zurückholen, den Architekten des Aufschwungs ab 2011. Favre zögert. Kandidat Nummer zwei ist Vincent Kompany, damals noch ohne Cheftrainer-Erfahrung. Als Favre schließlich absagt, hat Kompany bereits in England zugesagt. Gladbach bekommt Daniel Farke — solide, aber nicht die erste Wahl. Farke bleibt eine Saison. Kompany geht von Burnley zum FC Bayern München und trainiert dort die Mannschaft, die Gladbachs Spieler ablösefrei aufnimmt. Die Ironie ist schwer auszuhalten.
Die DNA-Krise: Ballbesitz vs. Konterfußball
Die DNA-Krise: Hinter dem Trainer-Karussell steckt ein tieferes Problem. Gladbach hat in den letzten 15 Jahren keine klare spielerische Identität gefunden, die über Trainerwechsel hinaus Bestand hat. Lucien Favre installiert ab 2011 einen kontrollierten Ballbesitzfußball — die goldene Ära. Als Marco Rose 2019 kommt, bringt er eine aggressivere Variante mit. Dann Adi Hütter: Der Schweizer braucht eine Mannschaft für schnelles Umschaltspiel und Konterfußball. Er bekommt aber einen Kader, der für Ballbesitz zusammengestellt wurde — und kann sich die Spieler, die er bräuchte, wegen Geldmangels nicht kaufen. Die Folge: Ein Jahr taktisches Missverständnis. Nach Hütter kommt mit Daniel Farke wieder ein Ballbesitz-Trainer. Unter Seoane soll dann die Synthese gelingen — ein neues Spielsystem, das beides vereint. Es gelingt nicht. Was fehlt, ist die Linie, die Gladbach-DNA, die unabhängig vom Trainer bestehen bleibt. Und dafür ist nicht der Trainer zuständig, sondern der sportliche Leiter. Es ist die vielleicht teuerste Lücke, die Eberl hinterlassen hat — und die Virkus nie schließen konnte.
Christoph Kramers Zweitkarriere
Christoph Kramers Zweitkarriere: Inmitten des wirtschaftlichen Niedergangs gibt es ein OMG der anderen Art. Christoph Kramer, sportlich nie ein Weltklassespieler, steigt schon während seiner aktiven Zeit zum beliebtesten Fußball-Experten Deutschlands auf (ZDF). Unmittelbar nach seinem Karriereende wird er Bestseller-Autor. Während der Verein finanziell implodiert, wird sein bekanntester Spieler dieser Ära berühmter als Nicht-Fußballer denn als Fußballer.

Legendaere Europacup Naechte
Am 20.10.1971 schießt Borussia Mönchengladbach im Achtelfinal-Hinspiel Inter Mailand mit 7:1 aus dem Bökelbergstadion. März 1976 gastiert Borussia Mönchengladbach im Viertelfinal-Rückspiel des Landesmeister-Cups beim spanischen Renommierclub Real Madrid. „Im Hinspiel in Düsseldorf hatten wir nach einer 2:0-Führung noch 2:2 gespielt, deshalb fuhren wir als krasser Außenseiter nach Madrid“, erinnert sich Herbert Wimmer. Ein besonderer Reiz: Bei Real Madrid spielen Günter Netzer und Paul Breitner. Schiedsrichter ist Leonardus van der Kroft, ein Schiedsrichter aus Holland, die Linienrichter sind seine Landsleute Gerrit Berrevoets und Ben Hoppenbrouwer.
In den ersten 15 Minuten bekommen Berti Vogts, Dietmar Danner und Uli Stielike die Gelbe Karte – zum Teil unberechtigt. Gladbach dominiert das Spiel. Minute wird es totenstill im Bernabeu. 120.000 Zuschauer sind entsetzt. Jupp Heynckes trifft per Kopf zur Führung der Gladbacher, zur Halbzeit steht es immer noch 0:1. Als van der Kroft die zweiten 45 Minuten anpfeift, ist das die Ouvertüre zu einem der skandalösesten Spiele in der Geschichte des Europapokals. Ein umstrittener Freistoß für Real in der 52. Minute macht den Anfang, Santillana trifft mit dem Kopf und erzielt den Ausgleich. Jetzt sind die Spanier wieder qualifiziert für das Halbfinale.
17 Minuten später spielt Hans Klinkhammer einen langen Pass auf Stürmer Henning Jensen, der Gladbach wieder in Führung schießt. Linienrichter Hoppenbrouwer, der eine sehr gute Sicht auf das Tor hat, sieht keinen Regelverstoß und gibt das Tor. Doch Schiedsrichter van der Kroft entscheidet auf Abseits. Acht Minuten vor dem Ende werden die Gladbacher zum zweiten Mal „betrogen“. Diesmal hat Verteidiger Hans-Jürgen Wittkamp das 2:1 erzielt, wieder wird das Tor von van der Kroft aberkannt. „Er lief sogar schon zur Mittellinie“, erinnert sich Herbert Wimmer. Aber nun hat Linienrichter Hoppenbrouwer etwas zu bemängeln.
Er teilt van der Kroft mit, dass der Torschütze ein Foul begangen habe, die TV-Bilder beweisen das Gegenteil. Das Spiel endet 1:1 und Real Madrid ist aufgrund des 2:2 im Hinspiel im Halbfinale. Van der Kroft hat 30 Jahre später nur noch rudimentäre Erinnerungen. „Es handelte sich um zwei aberkannte Tore. Beim ersten hat der Linienrichter gegen mich entschieden, was beim Zweiten war, weiß ich nicht mehr“, sagt der Holländer dem „Spiegel“.