Special Moments
Der Don und die Fohlen-Elf. Wie ein Kölner zum Chef der Bauern wird
Der 1. FC Köln war mein erstes zu Hause, meine erste Station als (Spieler)-Trainer, der Rheydter SV war eine Zwischenstation, Viktoria Köln ein Rückschritt. Borussia Mönchengladbach war mein großes Glück - die „Buuren“ (Bauern) vom Niederrhein.
Mit großen Ambitionen bin ich in Köln gestartet, als Spielertrainer und Gründungsmitglied sollte ich den gerade gegründeten Verein zu einem deutschen Spitzenverein machen. Ich glaube, ich hätte es geschafft, wenn man mich gelassen hätte. Aber „der Boss“ hat mich nicht in Ruhe arbeiten lassen, jedenfalls nicht so wie ich es gewollt habe. Ich wollte junge Spieler aus der Region um mich herum scharen und aus diesen ein Team formen, das meine Idee von Fußball umsetzt. Franz Kremer wollte mit Hilfe der lokalen Wirtschaft etablierte Stars verpflichten. Und tat das auch, in der Regel ohne mich vorher zu fragen. Doch »Tschik! Decken! Arschloch!« (Zlatko Cajkovski) und ich – das passte gar nicht. Und sich bei mir beschweren, wenn die von ihm verpflichteten Spieler sich wieder mal als Fehleinkauf erwiesen – das ging mir irgendwann gegen den Strich. Als der Erfolg ausblieb und wir regelmäßig die Endrunde der Oberliga verpassten, musste ich gehen. Zuerst nach Rheydt, dann nach einem zweiten Versuch beim „effzeh“ zu Viktoria Köln auf die andere Rheinseite und als auch das nicht funktionierte nach Mönchengladbach. Große Erfolge als Vereinstrainer hatte ich bis dahin nicht.
Der neue Präsident, Helmut Beyer, sein Vize Helmut Grashoff und Alfred Gerhards garantierten mir dennoch volle Handlungsfreiheit und Unterstützung für mein „Kindergartenkonzept“ und die Idee, auf lokale und regionale Talente zu setzen. Sie hatten ja auch gar keine andere Chance, das Geld war knapp, ein Star wie Albert Brülls es war, wurde verkauft. Der Verein hatte aber bereits ein sehr gutes A-Jugend Team und einige Talente im Blick, die er verpflichten wollte. Also wechselte ich, Franz Kremer ahnte in dem Moment nicht, was das für ihn und seinen 1. FC Köln bedeuten sollte.
Überhaupt: Franz Kremer baute mich auf, Franz Kremer ließ mich fallen. Wie Caesar und Pompeius. Wie Napoleon und Wellington. Wie Strauss und Wehner. Genau so sehe ich uns. Franz Kremer und mich. Wir übertrugen unseren privaten Konflikt auf unsere Vereine.
In den 50-er Jahren war die Rivalität zwischen uns Nachbarn in Nordrhein-Westfalen noch eine friedliche Co-Existenz. Das Interesse aneinander begrenzt, aber von Abneigung keine Spur. Borussia war damals sogar die erste Mannschaft, die im neuen Geißbockheim des 1. FC Köln zu Gast war. Für den „effzeh“ kam der größte rheinische Rivale aus Dellbrück, da sie gegen Gladbach in der Oberliga West sowieso immer die Nase vorne hatten.
Ich hatte während des Krieges gedient und wurde bei Danzig in Gefangenschaft genommen. Über diese Zeit spreche ich nicht gerne, auch wenn sie wohl die prägendste meines Lebens war. Über Wasser hielt mich stets meine Liebe zum Fußball. Nach der Rückkehr in die Heimat 1945 überredete mich ein gewisser Franz Kremer für meinen alten Verein in Köln-Klettenberg aufzulaufen. Er war damals der neue Vorsitzende und ich bereit, den FC in seiner Gründungszeit zu unterstützen. Bis heute gelte ich als wichtigstes Gründungsmitglied, ohne damals überhaupt gewusst zu haben, was ich tat. Für mich als Dorfkind war es eine große Ehre, überhaupt das Trikot tragen zu dürfen.
In der Mannschaft spielten mindestens fünf Spieler besser als ich, aber ich besaß offenbar mehr Durchsetzungsvermögen. Ich machte mir mehr Gedanken um Fußball. Ich entwickelte eigene Ideen.
Was mir an spielerischer Qualität fehlte, machte ich durch theoretisches und fachliches Wissen wett. Ich lebte und liebte den Fußball, obwohl es mir sichtbar an Talent fehlte. Ich erkannte damals schon früh meine begrenzte Spielerzeit, doch ein Leben ohne Fußball war für mich nicht mehr vorstellbar. So begann ich im Juni 1947 eine Ausbildung zum Fußballtrainer an der Sporthochschule Köln und schloss als Klassenbester ab. Mein Fleiß schlug Talent – ein weiteres Mal.

Als Kölner Spielertrainer feierte ich 1949 meinen ersten großen Erfolg mit dem Aufstieg in die Oberliga West. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Doch leider waren meine Tage am Rhein gezählt. Ich konnte die Erwartungen des Vorstands, allen voran von Franz Kremer, nicht mehr erfüllen. Als wir 1952 den Einzug in das Deutsche Meisterschaftsfinale verpassten, war meine Zeit abgelaufen. Ich wurde entlassen und verlor in diesem Moment nicht nur meinen Arbeitgeber, sondern auch meine Familie. Es war einer der schwersten Tage meines Lebens.
Halt fand ich damals bei meinem ehemaligen Sporthochschul-Dozenten und Lehrmeister, Bundestrainer Sepp Herberger. Ich wurde sein Assistenztrainer, konnte mich aber schlecht fügen und beendete die Zusammenarbeit nach nur einem Jahr. Was dann geschah, kam unerwartet: Köln wollte mich zurück. Ich erinnere mich, wie zweigeteilt ich war, als ich den Vertrag unterschrieb. An meinen Vertrauensmangel gegenüber Franz Kremer hatte sich nämlich rein nichts geändert. Wir wagten den Versuch, doch aus anfänglichen Unstimmigkeiten ergab sich schnell ein handfester Konflikt.
Bald konnten wir uns nicht mal mehr im selben Raum aufhalten, ohne dass ein Streit eskalierte. Eine Zusammenarbeit war ausgeschlossen. Ich wechselte auf die „schäl Sick“, die andere Rheinseite, zum SC Viktoria 04. Ich genoss das Vertrauen und die Freiheiten, die der Oberligaverein mir entgegenbrachte, während meine Abneigung gegenüber Kremer und seiner Bagage täglich wuchs. Doch der große Erfolg bleibt aus.
Meine neue Liebe fand ich am 27. April 1964 im nur 45 Kilometer entfernten Mönchengladbach. Der Verein war gerade von Trainer Fritz Langner verlassen worden, der Schalke 04 in der Bundesliga trainieren wollte. Sepp Herberger hatte nach meinem Vertragsende eine erneute Empfehlung ausgesprochen. So kam ich an den Niederrhein. Im Gepäck: Viele Ideen und eine große Portion Groll gegen Köln. Obwohl ich damals sogar noch in Köln wohnte, änderte sich meine Meinung gegenüber dem FC nicht. Der Stachel, den Kremer mir eingetrieben hatte, saß zu tief. Der Gladbacher Vorstand hielt sein Wort und ich lieferte den versprochenen Erfolg. Günter Netzer war bereits verpflichtet, als ich kam, Jupp Heynckes und Bernd Rupp kamen zur Saison 1964/65, Berti Vogts als wir den Aufstieg in die Bundesliga bereits geschafft hatten. Der Rest ist bekannt. Wir wurden die Nummer 1 am Rhein und in der Saison 1969/70 zum ersten Mal Deutscher Meister.
Der Don Und Die Fohlen Elf
Meine Wut auf den „effzeh“ von Franz Kremer reduzierte das nicht. Es kam soweit, dass ich einen fast krankhaften Ehrgeiz entwickelte, wenn wir im Spiel aufeinandertrafen. Meine Fohlen-Elf hatte Spaß daran, meinen ehrgeizigen Zielen zu folgen und gab auf dem Platz alles. Als besonders amüsant empfand ich stets die Kölner Reaktionen auf mich. Von „bockig“ bis „aggressiv“ reagierten die Rot-Weißen, sobald mein Name fiel. Ich machte mir einen Spaß daraus vor den Derbys in Richtung der „Geißböcke“ zu sticheln. Verbale Konflikte waren bei unseren Derbys auf dem Platz schon immer Standard, doch nun nahmen auch die körperlichen Auseinandersetzungen der verschiedenen Fangruppierungen außerhalb der Stadien zu.
Ich gebe zu, dass das nie meine Absicht war! Verletzter Stolz und geißböckische „Bockigkeit“ führten zu verhärteten Fronten, die sich aus Sturheit nicht mehr erweichen ließen. Niemals hätte ich gedacht, dass die rheinischen Derbys heute einem Hochsicherheitsakt gleichen würden. Niemals hätte ich gedacht, dass wir einmal Wasserwerfer und Reiterstaffeln brauchen werden, um die verfeindeten Lager zu trennen. Ich selbst kehrte 1976 als Trainer zurück zum FC und sah die Rivalität schon damals mit gemischten Gefühlen. Der Konflikt fand noch nie zwischen Köln und Gladbach, sondern zwischen mir und Franz Kremer statt.
Dieses Mal ließ mich der FC machen. Ich setzte mich gegen Wolfgang Overath durch, machte Heinz Flohe zum Chef und gewann in der ersten Saison den DFB-Pokal. Eine Saison später schafften wir das Double aus DFB-Pokal und Meisterschaft. Vor Borussia Mönchengladbach mit meinem Intimfeind Udo Lattek als Trainer. Imago Images/ Ferdi Hartung 23. Autor: Sophie Hargesheimer ↩